Kampf der Umstrukturierung – Her mit der Reiche 63a!

Das war vor 20 Jahren die Parole der Hausbesetzer_innen, die den kollektiven Freiraum in der Reichenberger Straße 63a erkämpften.
Seit 1977 ist die Immobilienfirma Heymann und Kreuels ( H&K) Eigentümerin des Hauskomplexes, dessen Abriss durch mehrere Besetzungen verhindert wurde. Aus dem Hinterhaus, einer ehemaligen Fabrik, wurde ein Wohnhaus, auch Vorderhaus und Seitenflügel wurden saniert.
Nach einer erneuten Besetzung wurde 1990 ein Mietvertrag für das Hinterhaus abgeschlossen, mit dem Bezirksamt als Träger.
Seit Abschluss dieses Vertrages hat H&K die Mietforderung an das BA drastisch erhöht. Statt mit der Eigentümerin neu zu verhandeln, will nun das BA den Vertrag mit den Bewohner_innen des Hinterhauses aus Kostengründen kündigen, wenn diese nicht deren neuen Vertragsbedingungen zustimmen. In den jetzigen Verhandlungen will das BA den Bewohner_innen einen angeblich kostendeckenden Vertrag aufdrücken. Dieser sieht eine Erhöhung der Kaltmiete um 100% vor, was die Bewohner_innen nicht bezahlen können, und /oder nicht bezahlen wollen.

Gentrifizierung ist das Stichwort welches uns durch den Kopf geht, wenn wir an hohe Mieten und Verdrängung aus dem „Kiez“ denken. Wohnraum, ein grundlegendes Element menschlichen Lebens, wird im Kapitalismus zur Ware. Unter dem Namen Standortpolitik wird sich dafür eingesetzt, den lokalen Standort, in unserem Fall Berlin, aber auch Bezirke untereinander, in einem lokalen, nationalen und auch globalen Wettbewerb attraktiv zu machen.
In diesem Rahmen wird die „Befriedung“ des öffentlichen Raums zur Grundlage sicherer Investitionen gemacht, womit die Umstrukturierung ihren Lauf nehmen kann. Ergebnis dessen ist der Zerfall von bisher bestehenden sozialen Netzen durch den Austausch der Bewohner_innen wegen nicht mehr bezahlbarer Mieten.
Solange unser gesellschaftliches System weiterhin nach kapitalistischen Mechanismen funktioniert, wird sich an dieser Entwicklung nichts Grundsätzliches ändern. Deshalb treten wir für die Abschaffung des Kapitalismus als Prinzip gesellschaftlicher Organisierung ein,das seine zerstörende Logik den Interessen Einzelner aufzwingt. Somit sehen wir einzelne Investor_innen oder Politiker_innen nicht als „Drahtzieher_innen“ oder grundsätzlich Verantwortliche für den Prozess der Gentrifizierung, solange der Kapitalismus unser Leben in allen Bereichen durchdringt.
Wir sehen es als notwendigen Widerspruch, einerseits für die Abschaffung dieses Systems radikal einzutreten und andererseits im Rahmen des Möglichen unsere Interessen nach solidarischen, kollektiven Lebensweisen zu vertreten, also unser Haus in seiner jetzigen Struktur zu erhalten.
Wir sind also ebenso gezwungen, diejenigen in die Verantwortung zu nehmen, die konkrete Entscheidungen über unser Haus treffen und dessen jetzige Struktur bedrohen.
Wir stellen unser Interesse am Erhalt unserer jetzigen Wohnform den Interessen von H&K nach mehr Einnahmen und des BA nach so genannter „Kostendeckung“ gegenüber. Wir fordern vom BA, mit H&K neue Verhandlungen aufzunehmen, um die Mieterhöhung abzuwenden! Dies ist natürlich nur als „kleineres Übel“ zu sehen, da wir am Liebsten überhaupt keine Mieten zahlen würden und es schon gar kein Privateigentum mehr geben sollte.


Kollektives und solidarisches Leben darf kein Luxus sein!

Im Gegensatz zum herkömmlichen, vereinzelten Wohnen, wird das Zusammenleben in der Reiche kollektiv und solidarisch organisiert. Konkret bedeutet das unter anderem, dass gemeinsam für die Miete aufgekommen wird. Dies gibt auch Menschen die Möglichkeit, in dem Projekt zu wohnen, die aus unterschiedlichen Gründen auf dem Wohnungsmarkt keine Chance haben und von den Ämtern keine Unterstützung erwarten können oder wollen. In unserem Haus leben Menschen mehrerer Generationen mit verschiedensten Erfahrungshintergründen und gestalten gemeinsam ihren Alltag.

Unsere WG besteht aus mehr als 20 Leuten, die eine gemeinsamen Küche, Wohnzimmer und andere Gemeinschaftsräume teilen. Häuser, die diese Möglichkeit bieten, gibt es nicht viele.
Dadurch, dass sich mit Vielen um das Haus gekümmert wird, können auch Räume bereitgestellt werden, die andere Menschen nutzen können. Hier werden im Rahmen von Gruppentreffen oder Info-Veranstaltungen soziale, politische und kulturelle Ideen entwickelt und diskutiert. Des Weiteren finden viele nicht-kommerzielle kulturelle Veranstaltungen statt, wie Kino, Partys, Konzerte….

Das individualisierte Leben in einer kapitalistischen, rassistischen, antisemitischen und hetero-sexistischen Gesellschaft kann durch das Leben im Hausprojekt zwar nicht abgeschafft werden, aber es kann versucht werden, Alternativen aufzuzeigen und für Einige in einem begrenzten Rahmen lebbar zu machen.


Gemeinsam sind wir stärker

Die Entwicklung in der Reiche 63a ist kein Einzelfall. Sie ist nur ein Beispiel für die Umstrukturierung der Stadt und des Bezirks. Durch Großprojekte wie Media Spree oder „Aufwertungen“ von Wohngegenden kommt es zu einer drastischen Verschärfung des Grundkonflikts zwischen Mieter_innen und ihren Bedürfnis nach gutem Wohnraum einerseits und Hausbesitzer_innen und Standortpolitik anderseits.

Immer mehr Menschen mit geringem Einkommen müssen aus Kreuzberg wegziehen, bzw. werden aus den Innenstadtgebieten verdrängt, weil sie die geforderten Mieten nicht mehr bezahlen können.
Immer mehr Häuser und Projekte, die vor Jahren bzw. Jahrzehnten durch Besetzungen erkämpft wurden, sind gefährdet.
Da die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum wieder drastischer beschränkt wird, ist es umso wichtiger, sich breit zu vernetzen und dieser Entwicklung gemeinsam etwas entgegen zusetzen.

Selbstorganisierte Mieter_innenversammlungen, gemeinsame Forderungen wie z.B. Mietminderungen und Mietboykott können eine gemeinsame Handlungsbasis darstellen, die auch über den Szenerand hinaus Austausch und Diskussion ermöglichen.

Wir zahlen nicht mehr, koste es, was es wolle!
100% mehr Miete- 150% Widerstand

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